Das StudiVZ hat jetzt eine eigene Web-Serie: In kurzen Filmen inszeniert Community-Mitglied und Filmstudent Piet sein Leben. Sieht so das Fernsehen der Zukunft aus?
Piet ist eines von mehr als zehn Millionen Mitgliedern von StudiVZ. Piet ist Student der Künste, Mitte 20, wohnhaft in Berlin. Er trägt Secondhand-Klamotten, manchmal einen etwas albernen Hut, und er hat eine Neigung zu Alkoholexzessen. Man weiß das alles über Piet, weil er auf seiner Profilseite in dem sozialen Internet-Netzwerk regelmäßig Texte, Fotos und Videos aus seinen Alltag hoch lädt.
Der einzige Unterschied zwischen Piet und den anderen zehn Millionen StudiVZ-Nutzern ist, dass dem Berliner Filmstudenten für die mediale Verarbeitung seiner Existenz ein etwas größeres Budget zur Verfügung steht: Piet ist die Hauptfigur eines kommerziell produzierten Programms, das die zu Bertelsmann zählende Firma Grundy Ufa (u.a. Verliebt in Berlin/Sat 1) und StudiVZ hergestellt haben. Der Titel: Pietshow. Seit dieser Woche werden 15 Folgen mit einer Länge von je vier Minuten veröffentlicht.
Zeigt sich in den aufkommenden sozialen Netzwerken das Fernsehen der Zukunft, zielgruppennormiert, eingebunden in eine millionenstarke Community? Die Pietshow ist die bislang aufwändigste deutsche Web-Serie. Der amerikanische Konkurrent MySpace kam vergangenes Jahr als Erster mit einer Serie – Candy Girls bildete das Leben einer Gruppe junger Mädchen in Berlin ab.
Der aktuellen, vor wenigen Wochen veröffentlichten ARD Online Studie zufolge lässt sich bei den 14- bis 49-Jährigen Deutschen eine lange vermutete, deutliche Verlagerung vom Fernsehen zum Internet feststellen. 55 Prozent der Online-Nutzer rufen Videos auf (2007: 45 Prozent), mehrheitlich ist das noch User Generated Content (UGC).
„Lonelygirl15″ – die erste erfolgreiche Fiction-Soap im Internet
Die Geschichte der Web-Serie beginnt 2006 auf der Video-Plattform YouTube, als die 16-jährige Bree unter dem Nutzernamen Lonelygirl15 ein Videotagebuch online stellt. Das Mädchen spricht mit großen Augen in die Webcam, erzählt von der Highschool, blöden Jungs und großen Träumen. Im Hintergrund sieht man Stofftiere und Pop-Poster. Nach einiger Zeit, als das lebendige Mädchen bereits eine treue Zuschauerschaft hat, berichtet sie plötzlich von einer gefährlichen Sekte. Ihr YouTube-Bekanntenkreis ist besorgt, schickt ermutigende Emails und die Nummer eine Hilfs-Hotline, bis im Sommer 2006 herauskommt, dass es sich bei Lonelygirl15 in Wirklichkeit um Jessica Rose handelt, eine 20-jährige Schauspielerin aus Neuseeland. Noch heute finden sich unter dem Suchbegriff Lonelygirl15 mehr als eine Million Treffer. Die Schöpfer der Undercover Fiction arbeiten mittlerweile für den US-Mediengiganten CBS.
Lonelygirl15 hat einen ersten Produktionsstandard für Web-Serien gesetzt: Oft erzählen die Hauptdarsteller ihre eigene Geschichte in die Kamera. Oft bedienen sie sich dabei der audiovisuellen Aufnahmegeräte, die auch in den Zimmern der Zielgruppe herum liegen: Webcams, Mini-DV, Handykamera.
In der Piatshow ist das Studi-VZ fester Bestandteil
Die Pietshow beginnt mit einer Party. Piet kracht durch die Wand in die Nachbarwohnung. Als er wieder aus dem Loch heraus krabbelt, ruft er nicht zuerst seinen Versicherungsagenten an, sondern spricht in das omnipräsente Objektiv: „Hast Du das drauf? Sag mir bitte, dass Du das drauf hast.“
Das Loch in der Wand setzt die Handlung in Gang, verbindet die Wohnung Piets, die er sich mit Kumpel Nick teilt, mit der Wohnung von Jessy und Melanie, zwei Mädchen, die zufällig im selben Alter und ebenfalls gerade für das Studium nach Berlin gezogen sind. Der generische Plot lässt selbst die Protagonisten stutzen: „Wir sind wie Serienfiguren: die Sexbombe mit dem großen Mund, die frigide Langeweilerin und der coole Typ.“
Und hier hören die metamedialen Referenzen nicht auf. Irgendwann liegt eine Seite des Drehbuchs im Bild. Auf dem Bildschirm blinkt ein Batterie-Warnsignal. Die Erklärung: Piet filmt sein Leben für ein Studienprojekt – und lädt am Ende jeder Vierminuten-Folge das Videomaterial auf StudiVZ hoch. „Wer will das denn sehen?“, fragt eines der Mädchen – und hat nichts verstanden. „Wir stellen in der Serie auch die Frage, in wie weit das alles auf StudiVZ noch real ist“, sagt Regisseur Meimberg, „in dieser Generation ist doch jeder ein Performer.“
Das Internet hat seine eigene Erzählform
Jedes Medium bringt eine Erzählform hervor, die seine eigenen Potentiale auf scheinbar natürliche Weise nutzt: Im Kino läuft noch immer der eineinhalbstündige Film, der als Genre alles thematisiert, was die Menschen, ihre Geschichte und ihre Phantasie zu bieten haben. Das Fernsehen erfand die 30-minütige Soap, eine domestizierte Form des Dramas, in der es eine überproportionale Häufigkeit an Inzest, Magersucht und internationalem Drogenhandel gibt.
Das Internet bringt nun den Zwei- bis Vierminüter, der nur noch das Leben der Zielgruppe abbildet. Je kleiner der Bildschirm, desto näher rücken die Zuschauer an die dargestellte Welt – bis beides zusammenfällt.
70.000 Zuschauer sahen „Candy Girls“ pro Folge
Ungefähr 70 000 Zuschauer konnte MySpace mit der Web-Serie Candy Girls pro Folge im vergangenen Jahr gewinnen – im Vergleich mit den Millionen Soap-Fans im Fernsehen, das weiß Berger genau, ist das nicht viel, andererseits könnten Werbekunden auf MySpace viel gezielter eine Konsumentengruppe identifizieren und ansprechen. Darüber hinaus kostet die Produktion einer hochwertigen Web-Serie noch so viel weniger als einer hochwertigen TV-Serie, weshalb vor allem in den USA eine enorme Anzahl an so genannten „web-only“ Inhalten auf den Markt kommt.
Junge, unbekannte Regisseure und Produzenten suchen im Netz nach Zuschauern und Fans. Nicht selten tauchen auch Pilotsendungen auf, die von Fernsehanstalten abgelehnt wurden. Sie erhalten, wenn sie bei YouTube oder MySpace massenhaft angeklickt wurden, eine weitere Chance.
Im Netzwerk ersetzt die Weisheit der Vielen die Talentscouts der TV-Industrie. Immer öfter werden aber auch Akteure aus Hollywood oder dem TV-Establishment im Netz aktiv. Das Problem ist nur: Noch ist der Fiction-Boom im Web ein Goldrausch ohne Gold. Ein Geschäftsmodell fehlt.
Online-Fernsehen fehlt der mächtige Funktturm
Der Fernsehturm war ein mächtiger Bau aus Beton und Stahl, an der Spitze glühte ein rotes Licht. Im Internet gibt es diese zentrale Struktur nicht mehr. Der Produzent strahlt nicht mehr aus, sondern gibt die Daten frei – und hofft, dass die User vorbei surfen. Die Antenne, die früher aktiv gesendet hat, wird zu einem Link, der passiv darauf wartet angeklickt zu werden.
Im Internet ist man selten allein: Auf der Web-Seite von Piet finden sich Bilder, Kommentare und Spuren seiner Freunde- Freunde sind nicht nur die fiktionalen Figuren Nick, Jessy und Melanie, sondern – wenn alles gut läuft – bald auch viele „echte“ Nutzer, Menschen, die sich mit der Serie angefreundet haben.
Internet-Fiction ist kurz und wird auf persönliche Art und Weise erzählt. Meimberg erzählt, dass er „versuchen will, die Leute zum Mitmachen zu bewegen“.
Ist das die Zukunft des audiovisuellen Dramas? Manchmal scheint man selbst bei Grundy Ufa ein wenig Zweifel zu haben. Im Vorspann der Pietshow singt die Band Madsen: „Mach die Kamera aus, und schließt die Augen. Die Bilder in deinem Kopf reichen aus, um dir selbst zu glauben.“
Autor: Tobias Moorstedt
Bildquelle: Studi-VZ
Schlagworte: Fernsehen, Online-Fernsehen, Piet, StudiVZ, TV



